Und es ist doch Liebe. 

 

 

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Liebe A., 

gerade mache ich mir viele Gedanken über dich. Du hast es als Zwilling nicht leicht. 

Du bist ein feinfühliges, sensibles, zurückgenommenes Kind. Du teilst alles, was du bekommst, mit deiner Schwester. Wenn du gerade mit etwas beschäftigt bist, und deine Schwester es haben will, überlässt du ihr das Gewollte meist bereitwillig, nur selten ist es dir so wichtig, dass du versuchst, es zu verteidigen. Aber M. nimmt es sich trotzdem immer, außer du schaffst es, dich mitsamt dem Objekt der Begierde auf einen Arm zu retten. Du spielst oft allein. Deine Schwester ist immer und überall, sie drängelt sich vor und sucht immer die Nähe der Erwachsenen. Wenn wir Besuch haben, ist deine Schwester der Mittelpunkt. Wenn wir drei allein sind, ist es nicht möglich, mit dir allein zu puzzeln, ein Buch anzuschauen, zu malen, zu kuscheln. Deine Schwester mischt sich ein, will dabei sein oder Alles ganz an sich reißen. 

Es tut mir in der Seele weh, jedes Mal, wenn du dich aus solchen Situationen zurück ziehst. Ich glaube Enttäuschung auf deinem Gesicht lesen zu können. Ich versuche dir gerecht zu werden, dir Freiräume zu schaffen, aber es ist schwer. 

Manchmal weise ich Besuch darauf hin, dass du auch noch da bist. Du genießt es sehr, wenn dir dann Aufmerksamkeit zuteil wird, du blühst regelrecht auf. Aber oft bist du eben der Schatten deiner Schwester. Leise, angepasst, zurückgezogen. 

Am Meisten hat mir weh getan, als du deine Wünsche plötzlich nicht mehr formuliert hast, stattdessen hast du nur genickt und zu dir selbst gesagt: „Gleich.“ Mir ist das Herz gebrochen, weil mir da noch einmal ganz deutlich wurde, wie oft du warten musst. Es tut mir leid. 

Mein Schatz, 

Du bist wichtig. Es ist wichtig, was du willst. Es ist wichtig, dass du da bist. Ich gebe mein Bestes dir gerecht du werden und unser Umfeld dafür zu sensibilisieren. 

Du hast es nicht leicht neben deiner immer präsenten Schwester. 

Liebe A., 

Du bist ein wunderbarer kleiner Mensch. Ich liebe dich von Herzen. 

Über Autonomiephasen und eine Mutter, die trotzdem dankbar ist.

M. ist wütend. Weil ich nicht sofort reagiere. Weil ich nicht sofort verstehe. Weil ich zur Toilette muss. Weil der Hund zu meinen Füßen liegt. Weil das Puzzleteil, dass sie geworfen hat, unter das Sofa gefallen ist und sie es nicht selbst holen kann. Weil ich ihre Schwester wickeln/anziehen/trösten muss. Weil ich ihr verbiete, ihre Schwester im Vorbeigehen an den Haaren zu ziehen/zu schubsen oder zu hauen. Weil ich nicht das richtige Essen gekocht habe. Weil sie lange geschlafen hat und den Papa verpasst hat. Weil sie früh aufgestanden ist und der Papa noch da ist. Weil der Papa irgendetwas für Sie tun möchte. Weil.., ach, das lässt sich endlos fortsetzen. Sie ist ein sehr wütendes Kind gerade. Sie weint, schreit, schlägt um sich, wirft sich auf den Boden und das tut sie andauernd, gefühlt hunderte Male am Tag.

Neuerdings erstreckt es sich auf die Nacht. Als die Mädchen krank waren, hatten sie einen unglaublich hohen Flüssigkeitsbedarf. A. trank gut und gerne, zusätzlich zum normalen Pensum, 500ml Wasser am Tag (sie ist ja schon seit Monaten abgestillt), M. drei Flaschen Pre à 240ml plus Stillen. Sie verlangte nach „Miiiich“ (Milch) und die bekam sie auch. Schließlich war ich dankbar, dass sie überhaupt etwas zu sich nahm.

Während A. nachts nun wieder durchschläft (das tut sie ganz von allein, schon sehr lange) und ihren Nahrungs- und Flüssigkeitsbedarf tagsüber abdeckt, verlangt M. weiter „Miiiiich!“. Ich will die Menge in der Nacht reduzieren, zu oft schlafe ich mit dem Fläschchen in der Hand ein und in einem Milchsee auf, außerdem glaube ich, dass es nur eine liebe Gewohnheit geworden ist. 720ml Premilch müssen nachts nun wirklich nicht sein. Aber M. tobt. Schreit sich in Rage. Nimmt kein Wasser und lässt sich nicht beruhigen. Und das, obwohl ich ihr die Milch bislang nicht verweigere, sondern erst frage, was sie will. Nun werde ich es nach Gordon versuchen, auch wenn es auch ums Fläschchen geht und nicht nur ums Stillen.

M.’s Wut ist anstrengend. Sie rebelliert gerade wirklich gegen alles. Das macht mich manchmal auch wütend und kostet vor allem Nerven.

Warum ich trotzdem dankbar bin? Die Nachbarn wohnen weit weg und ich muss mir keine Gedanken um Ruhestörung machen. Und A. ist ein kleiner Sonnenschein. Ich bin so dankbar, dass sie sich bei solchen Phasen abwechseln und ich das nie mit zwei Kindern auf einmal bewältigen muss.

Zwillingssorgen

Sie sind so unterschiedlich, meine Zwei. Ich finde das schön, aber es ist auch eine enorme Herausforderung, zwei gleich alten Persönlichkeiten mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Da gibt es die leichter zu bewältigenden Dinge: A. duscht gern, M. badet lieber. A. schläft lange, M. möchte früh aufstehen. M. liebt Bananen, A. lieber Erdbeeren, A. schläft tagsüber gern auf dem Sofa, M. lieber in der Federwiege. Alles leicht zu erfüllen. Die Herausforderung ist aber ihr völlig unterschiedliches Lern- und Spielverhalten. M. braucht Anregung, Anleitung und Nähe. Sie kann sich nicht allein beschäftigen, ist sehr fixiert auf die anderen Menschen um sie herum, orientiert sich stark an mir oder an ihrer Schwester. Sie will tun, was wir tun, haben, was wir haben. Das kann unglaublich niedlich sein, z.B. wenn sie auch ein nasses Putztuch will und mich beim Putzen imitiert, oder unglaublich anstrngend, wenn sie alles ihrer Schwester wegnimmt und ihr dabei weh tut.

A. hingegen braucht viel Zeit und Freiraum. Sie betrachtet Dinge gern ausführlich, probiert sie aus,immer und immer wieder. Sie wird dabei nicht gern gestört, von Niemandem (auch, wenn sie mich gern dabei hat, um mir alles zu zeigen). Tja, und genau da liegt der Hund begraben. M. stört sie, und zwar immer. Alles nimmt sie ihr weg, sobald A. sich dann etwas Anderem zuwendet, will M. das auch haben. Bekommt sie es nicht, tut sie ihrer Schwester weh. Und ich weiß einfach nicht, wie ich A. diesen so sehr gewünschten Freiraum schaffen soll. Sie ist so zufrieden, wenn sie allein spielen darf. Und das kann ich ihr so selten ermöglichen.

Ja, ich spiele viel mit M. um sie abzulenken. Aber dann beißt mich auch das schlechte Gewissen, weil ich A. diese Exklusivzeit nicht so oft bieten kann, denn M. spielt eben nie allein. Nie. Und A. genießt es auch so sehr ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.

Tja. Und nun? Es heißt, man wächst an seinen Herausforderungen. Ich hoffe, ich wachse schnell, damit ich ihnen gerecht werde.