Mein sehnlichster Wunsch

Hier habe ich euch bereits erzählt, wie es mir gerade so geht.

Ich bekam einen Kommentar dazu, über den ich eine Weile nachdenken musste, und jetzt ausführlicher beantworten möchte:

Liebe Emma,

wir kennen uns nicht und ich möchte dir auch nicht zu Nahe treten. Aber hast du vielleicht mal daran gedacht, dir Hilfe zu holen bzw. dich einmal professionell bei einem Psychologen beraten zu lassen? Vielleicht hast du ja wirklich ein Burnout oder Ähnliches und es wäre gut, wenn dich jemand unterstützen könnte, wieder aus diesem Gefühl herauszukommen?

Ich hoffe, du nimmst mir diesen Vorschlag nicht übel.

Alles Liebe
Myriam“

Liebe Myriam,

nein, ich nehme dir das ganz und gar nicht übel. Ehrlich gesagt habe ich auch schon mal darüber nachgedacht, aber ich entschied mich dagegen. Denn, seien wir mal ehrlich, helfen könnte mir das vermutlich nicht. Ich bin nicht depressiv (ich weiß das so genau, weil ich schon einmal, vor etwa 14 Jahren wegen einer Angststörung in Begleitung einer Depression in Behandlung war) und ein Burnout? Ja, vielleicht. Das Hamsterrad der täglichen Aufgaben dreht sich stetig.

Ich weiß sehr genau, warum es mir so geht, wie es mir geht. Ich bin Zwillingsmutter. Schon in der Schwangerschaft schlief ich schlecht. Seitdem die Wundermädchen da sind, schlief ich nie mehr als drei Stunden am Stück, nicht in einer einzigen Nacht. Damit kam ich ganz gut zurecht, nur gerade reduziert sich der Schlaf drastisch. Die Mädchen sind seit Anfang Januar dauernd krank, werden abwechselnd wach, nachdem der Durchfall und das Erbrechen vorbei waren, kamen Schnupfen und Husten. Sie husten immer noch, und schlafen grottig schlecht. Für mich heißt das, dass ich dauernd wach bin. In manchen Nächten frage ich mich, ob es nicht erholsamer für mich wäre, ich bliebe einfach wach, statt immer aus dem Schlaf gerissen zu werden. Und deswegen bin ich unglaublich müde.

Zusätzlich zum Schlafdefizit kommt der Winter, die Sonne fehlt mir. Das schlug mir schon immer auf’s Gemüt. Der Alltag und seine Probleme und Problemchen tun ihr Übriges.

Aber ich bin sicher, dass Schlaf der Zauberschlüssel ist. Wenn ich nur endlich mal wieder schlafen könnte. Und ein bisschen Sonne. Ja, das wäre schön.

(Ja, der Wundermann würde ohne Frage die Nächte ab und an übernehmen. Nur jede Nacht oder auch nur Abend ohne mich bedeutet mehrere anstrengende Nächte für mich. Die Mädchen sind dann besonders anstrengend. Das ist also kein Gewinn für mich. Nur eines hilft: Frühling, bitte komm schnell. Bring viel Gesundheit und Sonnenstunden für uns.)

„Ich muss mir etwas Gutes tun.“

Ich habe noch nie so ungesund gelebt wie jetzt und ich war auch noch nie so unglücklich mit mir selbst wie jetzt.

Es ist ein Teufelskreis und ich finde nicht heraus. Die Wahrheit ist: Gerade geht es mir nicht sehr gut. Ich habe zu wenig Zeit für Schlaf, die Kinder, meinen Mann, den Haushalt, die Arbeit, den Haustieren, der Familie, Freunde, für mich.

Ich bin einfach nie genug. Besser kann ich es nicht sagen. Und weil ich nie genug bin, bin ich manchmal wirklich einsam. Ich bekomme nicht mehr mit, was Freunde gerade bewegt. Die Frau meines liebsten Kollegen starb nach langer Krankheit und ich wusste noch nicht einmal, dass sie krank war. Weil mir Zeit fehlt. Zum Nachfragen, zuhören, kümmern. Ich schäme mich deswegen schrecklich.

Freunde gingen verloren, viele fühlen sich weit entfernt an, weil man sich aus den Augen verloren hat, weil man nicht weiß, was gerade im Leben des Anderen wichtig ist. Ich igel mich ein, weil ich nicht genug Energie habe, für Andere da zu sein.

Dauernd bin ich müde, die Nächte fressen mich auf. Ich bin längst über meine Grenzen hinaus und weiß nicht wie lange ich das noch durchhalte.

Das alles führt dazu, dass ich mir immer „etwas Gutes tun“ will. Die Nacht war anstrengend? Ich brauche ein Stück Schokolade. (Ein Stück? Naja. Wie groß das ist, habe ich ja nicht gesagt.) Die Kinder sind anstrengend? Erst mal ein Bonbon essen. Ich bin müde? Erst mal ne Cola. Die Kinder spielen angeregt im Flur? Schnell etwas in den Mund stecken, solange sie es nicht sehen.

Das ist er, der Teufelskreis. Und ich finde nicht heraus. Ich weiß sehr gut, dass selfcare wichtig ist und dass ich mich mit besserer Ernährung besser fühlen werde. Natürlich löst das nicht alle Probleme, aber es wäre ein Anfang. Vielleicht wäre ich weniger ausgelaugt, vielleicht hätte ich mehr Energie. Vielleicht. Vielleicht muss ich auch einfach ein paar Tage lang schlafen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Ich bin so müde. Ich muss mir endlich etwas Gutes tun.

Manchmal wäre ich gern

Einlingsmutter.

Es gibt sie, diese Momente, an denen mir alles über den Kopf wächst und ich neidisch bin auf die, die keine Zwillinge haben. Zum Beispiel, wenn beide Kinder krank sind und nur auf Mamas Schoß zufrieden sind. Aber ohne die Schwester, bitteschön. Oder wenn ich mit ihnen zum Arzt muss und niemanden finde, der uns begleiten kann. Ich sage euch, zwei um ihr Leben schreiende Kleinkinder bringen mich ganz schön zum Schwitzen. Oder nachts, wenn sie abwechselnd wach werden und ich gefühlt gar nicht schlafe. Wenn sie schon wieder eine „NUR DIE MAMA!“ -Phase haben und ich nicht zum Luft holen komme.

(Und wenn ich dann denke „Wie einfach wäre das, wenn es keine Zwillinge wären.“ dann fühle ich mich sofort miserabel. Wie kann ich so nur denken? Was bin ich denn für eine Mutter?)

Manchmal bringen sie mich an meine Grenzen und ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Aber das sind nur Momente. Meist bin ich glücklich, dankbar und habe wahnsinnig Spaß mit meinen Zwillingsdamen. Und davon erzähle ich auch bald. Wenn meine zwei Kletten wieder gesund sind und ich tief Luft geholt habe.

Von meiner Hemmung, Dinge öffentlich zu thematisieren.

Irgendwie weiß ich gerade nicht so richtig, wie ich das Thema anfangen soll. Es geht um das „Anders sein“ und um bestimmte Blicke, Kommentare und darum, dass es mich nervt. Sehr. Ich versuche euch das mal im Zusammenhang mit dem Verdacht auf Epilepsie bei M. zu erklären:

Als es geschah, habe ich zuerst nur mit meinem Wundermann darüber gesprochen. Meine Schwiegermutter bekam es mit und so zog es dann schnell die Runde. Die Folge waren bedeutungsschwangere Fragen à la „Und wie geht es M.?“ und mitleidige Blicke. Von manchen Kommentaren will ich gar nicht erst anfangen. Man hat es so schwer, wenn man nicht in die Norm passt. Ich will nicht, dass M. plötzlich in einen anderen Blickwinkel rutscht, dass sie genauer beobachtet wird, dass alles kommentiert wird, was sie kann oder eben auch nicht. Das nimmt ihr so ein großes Stück Freiheit und Unbeschwertheit.

Leider sind wir immer sehr defizitorientiert. Es wird immer geschaut, was man nicht kann, was nicht funktioniert, was anders ist. Immer ein kritischer Blick, ein spitzer Kommentar, Getratsche und jeder weiß immer alles.

Deswegen tue ich mich sehr schwer damit, solche Dinge einfach offen zu sagen. Ich möchte meine Kinder schützen vor all diesen Dingen. Mich auch. Ich habe schließlich auch ewig gebraucht mich mit der ungewollten Kinderlosigkeit zu outen. Es ist vielleicht genau der falsche Weg. Aber für den Anderen fehlt mir oft der Mut.

Meine Kinder sind etwas Besonderes und ich finde sie perfekt. Egal, ob M. noch nicht sprechen möchte, A. noch nicht klettert, der Schlaf nicht gut ist, A. Segelohren hat und M. schiefe Zähne. Sie sind genau richtig, so wie sie sind. Und genau das gilt auch für alle Menschen. Jeder ist etwas Besonderes, und zwar im positiven Sinne.

Anders sein. Ein Defizit haben. Nicht unauffällig in der Norm verschwinden können. Es wäre schön, wenn man auf Dauer diesen negativen Blickwinkel verändern könnte.