Körperlichkeiten

Sechs Hormonbehandlungen, zwei kurze Schwangerschaften, eine Zwillingsschwangerschaft: Sie haben Spuren hinterlassen. Deutliche. Und die meisten Spuren werden wohl bleiben. Gerade arbeite ich hart daran, mich damit anzufreunden.

Wo fange ich nur an… Jede Hormonbehandlung ließ mein Gewicht tanzen, ich nahm zu. Stetig. Nach jedem negativ nahm ich auch wieder ab. Aber ein klitzekleines bisschen Extragewicht blieb immer. Die zwei kleinen Schwangerschaften haben an meinem Körper vermutlich keine Spuren hinterlassen, „nur“ in der Seele. Die Zwillingsschwangerschaft allerdings schon. In Fakten heißt das: Kaputtes Haar, brüchige Nägel (das geht doch nach dem Stillen wieder weg?), und am deutlichsten hat mein Bauch gelitten. Tief eingerissenes Gewebe, mittlerweile zwar blass vernarbt, aber unwiederbringlich da, zuviel Haut (ich hab die Hoffnung aufgegeben, dass sich da noch was tut), loses, weiches Gewebe, so dass mein Bauch, trotz dass ich einigermaßen schlank bin, immer lustig zur Seite ‚rüberfällt, wenn ich mich auf Selbige lege. Und die größte Baustelle erwartet mich noch: Was wird nach dem Abstillen von meiner B.rust übrig sein?

Mein Körper hat Einiges geleistet, darauf bin ich stolz. Aber mit den Spuren muss ich mich noch anfreunden. Ich schaue oft an mir ‚runter und erkenne mich nicht wirklich. Das neue Ich und ich müssen wohl noch ein bisschen zusammen wachsen.

37+0. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Heute ist 37+0, die 38. SSW beginnt. Ich bin tatsächlich noch schwanger! Wer hätte das gedacht… Ich jedenfalls nicht, schon von Anfang an hatte ich Angst, dass meine Mädchen zu früh zur Welt kommen. Aber auch hier haben sie mich eines Besseren belehrt: Genau so, wie sie sich im September ein kuscheliges Plätzchen suchten und blieben, sind sie immer noch nicht auszugsbereit. Hier tut sich nämlich exakt gar nichts, außer dass sie munter strampeln und mir damit hin und wieder weh tun ist da ziemliche Ruhe im Bauch. Ab und an eine Wehe, aber nix Ernstzunehmendes. Es wird wohl auf Räumungsklage hinauslaufen…

Was ich in den letzten Tagen versucht habe? Fenster putzen, Polterabend gründlich mitfeiern, Gartenarbeit, Haushalt, ein bisschen Gymnastik, Ananas, Heublumenbad, Dammmassage, Himbeerblättertee… Und ich erzähle den Mädchen jeden Tag (okay, den ganzen Tag), dass sie da jetzt rauskommen sollen. Bittend, flehend, schmeichelnd, schimpfend. Aber sie sind durch nix zu bewegen. (Der Wundermann macht Witze darüber: „Wenn sie  jetzt schon nicht an Auszug denken, werden sie laaange bei uns wohnen, auch, wenn sie längst erwachsen sind.“)

Kurz vor Schluss tut sich hier auch noch ein Namensproblem auf. Heute erhielten wir eine Einladung zu einer „Pinkelparty“ im Dorf. Und das Kind trägt den Namen, den wir für unser Kind wollten. Hier leben ca. 90 Menschen. Nun muss wohl ein neuer Name her. So ein Ärger… Und, ganz neu, auf den letzten Metern: Schwangerschaftsstreifen. Tja.

Wenn die Sehnsucht gestillt wird

Wir feiern heute 35+5. Wer hätte das gedacht? Nun bin ich jeden Tag entspannter und ungeduldiger, mit soooo viel Vorfreude. Und nervös bin ich auch.

Zeit für ein kleines (Zwischen)resümee und Zeit, um mich mit meinem Wunderbauch zu versöhnen, ich war ihm ja zwischendurch sehr böse (http://emmaswunderwelt.blogspot.de/2012/02/abschied-und-ein-neubeginn.html).

Es gab Zeiten, da war ich ziemlich verzweifelt, habe nicht daran geglaubt, dass ich je eine Schwangerschaft länger als das erste Trimester erleben würde. Die Sehnsucht bestimmte mein Leben, ich habe mich völlig der Diktatur dieses Wunsches unterworfen. Nach dem Post machte ich eine Pause, die eigentlich nur eine Pause von der Kinderwunschmaschinerie war, denn meinen Zyklus und meinen Bauch beobachtete ich immer noch akribisch. Und die Sehnsucht war einfach nicht loszuwerden. Also wagten wir noch einen Versuch, den Letzten, der von der Krankenkasse unterstützt wurde. Dem Wundermann sagte ich, das sei definitiv das letzte Mal, aber ob ich das wirklich hätte einhalten können? Ich meine, diese Sehnsucht war einfach allmächtig und früher oder später hätte ich ihr nachgegeben. Da bin ich ziemlich sicher.

So starteten wir den „letzten“ Versuch im August. Endlich kam die Mens, endlich durfte ich spritzen und obwohl ich exakt dieselben Medikamente wie in den stimmulierten Zyklen zuvor hatte, reagierte ich anders, die gesamte Stimmu lief optimal, keine schlechten Nachrichten. Am 6.09. bekam ich also zwei Blastos zurück und die schlimme Zeit des Wartens brach an. Mein Körper verriet nichts, ich war mir sicher, dass es nicht geklappt hat. Schließlich war ich schon zwei Mal schwanger, wenn auch nur kurz, und das fühlte sich anders an. Also schmiedete ich Reisepläne, ich brauchte was zum Festhalten, war schon wieder traurig und verzweifelt. Nur der Wundermann blieb gelassen, glaubte weiter fest an unser Glück und behielt Recht, am 16.09. hielt ich einen deutlich positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Drei Tage später bestätigte der Bluttest die Schwangerschaft und seit dem 27.09. wissen wir, dass wir Zwillinge erwarten.

Dann begannen die Ängste. Bleiben Beide? Sind sie gesund? Ein paar Wochen begleitete mich auch extreme Schwangerschaftsübelkeit, die meinen Lebensraum auf Bett und Bad beschränkte. Aber als das endlich aufhörte durfte ich eine ziemlich unkomplizierte Schwangerschaft erleben, mit so vielen wundervollen Momenten. Das erste Kitzeln im Bauch, die ersten Rundungen, die ersten deutlichen Tritte, die ersten Beulen, die ersten Reaktionen auf Geräusche… Es war und ist eine wundervolle Zeit und ich bin unglaublich dankbar für das Alles.

Nun sind wir im Endspurt und es erwarten uns so viele weitere erste Male. Die Sehnsucht ist nicht gestillt, sie ist nur anders. Unbeschwerter, glücklicher, hoffnungsvoller. Bald sind wir Eltern. Es kann einfach nichts Schöneres geben.

Und dann erwischen die Hormone mich doch noch.

Heute ist 34+6. Das ist doch ein ganz passables Ergebnis für eine Zwillingsschwangerschaft. Aber es ist immer noch 36 Tage zu früh, wenn man von einer normalen Schwangerschaft ausgeht. 36 Tage, in denen Babies noch ordentlich Gewicht zunehmen und sich damit für ihr Leben in dieser Welt wappnen.

Meine Wundermädchen wiegen in etwa zwei Kilo und sie wollen sich schon auf den Weg machen. Gestern hatte ich drei Stunden lang absolut regelmäßige Wehen, alle 10 Minuten. Das hat mir unglaubliche Angst gemacht. Ich hatte so große Angst, dass sie sich ernsthaft auf den Weg machen, dass ich völlig paralysiert auf dem Sofa saß und immer nur denken konnte: „Bitte nicht, es ist noch zu früh!“. Ich habe weder den Wundermann angerufen, noch meine Hebamme, noch sonst irgendwen. Mir hallte nur immer der Satz meiner Hebamme im Kopf: „Wenn es wirklich ernst wird weißt du es.“ Und ich war mir gestern nicht sicher. Bei jeder Wehe schaute ich auf die Uhr und zu mehr war ich einfach nicht fähig. Ich hatte solche Angst und wollte nur, dass es aufhört. Dann kam der Wundermann nach Hause, ich konnte nur stottern und ihm sagen, was los ist. Die Tränen liefen, allein durch seine Anwesenheit waren alle Dämme gebrochen. Und er war ruhig, machte mir Magnesium, brachte mir Bryophyllum, befahl mir mich hinzulegen und sagte: „Wenn es in einer halben Stunde nicht besser wird, fahren wir.“ Und was soll ich sagen? Es hörte auf. Von jetzt auf gleich. Welch ein Glück.

Das Erlebnis gestern hallt noch ordentlich nach. Ich weinte heute beim Hundespaziergang, beim Zähne putzen, unter der Dusche. Immer wieder kamen die Tränen und ich kann einfach nichts dagegen tun. Ich will doch nur, dass es ihnen gut geht und ich habe nun einfach keinerlei Einfluss mehr darauf, was passiert. Ich kann es nicht verhindern wenn sie kommen wollen.

Ja, wir haben es in dieser Schwangerschaft weit geschafft und die zu erwartenden Komplikationen sind nicht mehr sehr groß. Das weiß ich. Sie schaffen es nun ziemlich sicher, aber sie brauchen vielleicht immer noch Intensivmedizin. Ich wünsche mir so sehr, dass sie das nicht brauchen. Allein der Gedanke, dass sie von mir getrennt werden könnten, zerreißt mir das Herz.

Hier sitze ich nun, eine Frau mit langem Kinderwunsch, die so viel Glück erfahren durfte, aber immer noch nicht zufrieden ist. Das sollte ich sein: Dankbar. Ich werde (aller Wahrscheinlichkeit nach) zwei gesunde Mädchen zur Welt bringen, was will ich denn mehr? Ein bisschen schäme ich mich dafür, dass ich nicht einfach dankbar und zufrieden bin. Dieses Gefühl ist aber da und ich kann es nicht ändern.

Heute habe ich vereinzelt Wehen, aber nicht in der Stärke wie gestern. Kurz hatte ich Angst, ich würde Fruchtwasser verlieren, habe ich aber nicht. Nun liege ich hier und traue mich nicht, mich zu bewegen. Ich würde wohl auch wie eine Fledermaus schlafen, wenn das helfen würde. Realistisch betrachtet kann ich aber nichts tun, die Mädchen entscheiden. Es macht mich verrückt, dieses „es kann jederzeit losgehen“-Gefühl. Wer weiß, vielleicht rege ich mich ganz umsonst auf und die Wundermädchen machen es sich so bequem, dass sie sogar eine Räumungsklage brauchen. Vielleicht aber auch nicht.

(Ich schulde euch noch den Bericht von meinem Hebammenbesuch. Wir haben alles besprochen: Was wir uns für die Geburt mit ihr wünschen, meine Sorgen und auch die Befürchtungen meines Arztes. Sie hat mir gesagt, dass ich schon wissen werde was richtig ist und dann auch die richtige Entscheidung treffe, ob ich zu ihr fahre oder in das Krankenhaus mit Kinderklinik. Sie sagt, ich soll meinem Gefühl vertrauen. Und eine Garantie, dass es gut geht, gibt es nie.)

Ein Arzt, der gehäuft die Stirn runzelt…

ist in der Regel nicht zufrieden. So geschehen heute Morgen. Ich war zur normalen Vorsorge, CTG war bestens, eine Wehe zu sehen, aber das sei in diesem Schwangerschaftsalter normal. Dann zur Untersuchung. Der Arzt tastet den Muttermund, runzelt die Stirn. Tastet erneut und murmelt dann: Fingerkuppendurchlässig. Er vermisst den Gebärmutterhals: 3cm, 1,5 cm weniger als bei der letzten Messung. Er runzelt wieder die Stirn, sagt aber, das sei ein guter Wert für das Schwangerschaftsalter. Dann Ultraschall, die Wundermädchen werden vermessen. Sie wachsen langsamer, Versorgung durch Nabelschnur und Plazenta sei aber normal. Ich erzähle, dass meine Hebamme am Dienstag ihre Rufbereitschaft startet. Wieder Stirnrunzeln. Er findet es für eine Entbindung ohne Kinderklinik noch zu früh.

Heute Abend haben wir einen Hebammentermin. Ich soll seine Bedenken dort thematisieren. Ich bin nun verunsichert, hoffe, dass wir trotz des Befundes noch ein bisschen durchhalten. Ich soll viel liegen um den Druck „unten“ herauszunehmen. Das mache ich nun. Liegen, liegen, liegen. Und hoffen. Ich möchte bitte, dass die fleißigen Wehen eine Pause machen.