Schnee

Der erste Schnee, der liegen bleibt und den meine Kinder das erste Mal so richtig erleben. Freude und Unmut zugleich, schwarz und weiß, wie Zwillinge eben sein können.

M. liebt ihn und war kaum wieder ins Haus zu bekommen. A. hasst ihn und wollte auf keinen Fall hinaus. Nicht auf Papas Arm, nicht auf Mamas Arm. Schnee darf sie auf keinen Fall berühren. Schneeflocken scheinen gefährlich und der weiße Teppich da draußen bedeutet akute Lebensgefahr. Schnee versetzt sie in Panik. Hysterische Panik.

Das hatte ich mir irgendwie auch anders vorgestellt.

Gedanken sortieren

Die Klinik hat angerufen. Die, die meine kleine M. genauer untersuchen möchte. Die, die gruselige Dinge ausschließen will, meinen kleinen Schatz in Narkose legen wird, damit sie ein MRT machen können, und auch sonst allerlei Pläne mit uns haben.

„Kommen sie am 19.08. um 13.00Uhr. Geplant ist, dass sie drei Tage bleiben. Ich muss sie aber deutlich darauf hinweisen, dass es auch länger dauern kann. Bleiben Sie bei ihrer Tochter?“

(Ähm. Ja. Natürlich lasse ich sie nicht allein.)

Herz und Kopf sind sich nicht einig, ich weiß, dass das alles nötig ist. Mein Herz hat Angst. Angst, weil M. noch nicht verstehen kann, weil A. nicht bei uns sein kann, weil ich es allein schaffen muss, denn der Wundermann muss ja bei A. sein. Angst vor möglichen Diagnosen, oder auch davor, dass es keine gibt. Angst davor, dass unsere Welt Kopf stehen wird.

Schon jetzt bemerke ich, dass ich M. kritischer betrachte. Ich möchte das nicht, aber das Gehirn macht, was es will.

Liebe M.,

du bist mein Kind, mein Herz, ich liebe dich ganz unglaublich. Es kommt eine schwere Zeit auf uns zu, aber ich gebe mein Bestes, um dir alles so schön wie möglich zu machen. Ich passe auf dich auf, werde dich nicht allein lassen. Zusammen werden wir das schaffen. Egal, was das Leben für uns bereit hält.

Ohnmacht.

Manche Vorfälle verändern dein Leben. Für immer, unwiderruflich. Für mich war das der Samstag Mittag. Meine Kinder schliefen in der Federwiege, alles war wie immer. Bis- ja bis ich den Eindruck hatte, M. träume schlecht. Ich wollte sie beruhigen, ihr meine Hand auf den Bauch legen, was ihr immer sofort wieder einen ruhigen Schlaf beschert. Und dann war da dieser Moment. M. träumte nicht schlecht, sie hatte einen epileptischen Anfall. Ich wusste das sofort, denn in meinem Beruf gehört Epilepsie zum Alltag. Ich hatte keinen Zweifel, auch wenn mein Herz es nicht wahr haben wollte. Der Anfall dauerte nur etwa eine Minute, dann war es wieder vorbei. Nach meinem Anruf in der Kinderklinik machten wir aus, dass ich zur Untersuchung in der Woche kommen würde. Wir bekamen einen Termin für heute.

Es wurde ein EEG geschrieben, und leider war es auffällig. Ich habe mich nicht getäuscht, so sehr ich mir doch gewünscht habe, dass es eine harmlosere Erklärung gibt. Nun werde ich mit ihr in eine spezialisierte Kinderklinik müssen, für mindestens drei Tage. Ohne A. Ich weiß noch gar nicht, wie das alles gehen soll.

In mir fühlt sich alles taub an. Ich wünsche mir sehr, dass es bei diesem einen Anfall bleibt (was durchaus möglich ist).

Nun harren wir der Dinge, die da kommen.

Alles neu

Nun bin ich Mutter. Es ist immer noch ein bisschen unwirklich. Auf der einen Seite fühlt es sich an, als wären die Wundermädchen schon immer bei uns gewesen und auf der anderen Seite ist es noch wie ein Traum. Ein verrückter Traum.

Seit 20 Tagen teilen wir unser Leben mit A. und M.. 20 Tage, die alles verändert haben. Sie bestimmen unseren Rhythmus, wann wir essen, schlafen, spazieren gehen, duschen und auch jedes andere Detail. In den Keller gehen wegen der Wäsche? Nur, wenn sie fest schlafen. Haushalt wird eine Mammutaufgabe: Morgens Spülmaschine anstellen und abends ausräumen, weil vorher einfach keine Zeit war.  Was ich den ganzen Tag mache? Stillen, wickeln, stillen, trösten, stillen, wickeln, stillen. A. erträgt es außerdem nicht allein zu sein, sie braucht ständigen Körperkontakt. Also habe ich sie viel im Tragetuch, auf dem Bauch, im Arm. Manchmal schaffe ich auch etwas zu essen, mich zu waschen oder ein winziges bisschen Haushalt. Aber den Hauptteil des Tages verbringe ich im Bett, auf dem Sofa und/oder auf dem Sessel.

Seit Dienstag geht der Wundermann wieder arbeiten und das bedeutet, dass wir tagsüber allein sind. Immer öfter muss ich eine von Beiden weinen lassen, weil ich sie immer noch nicht gemeinsam stillen kann, M. benötigt immer noch beide Hände und meine ganze Aufmerksamkeit. Zu 95% haben beide gleichzeitig Hunger, und dann muss ich mich entscheiden: Wer zuerst? Die Andere weint immer bitterlich, auch wenn sie direkt an mich gekuschelt liegt. Schon stecke ich in so einer Spirale: Kind früher von der B.rust nehmen? Nicht so viel Zeit für’s Bäuerchen nehmen? Kein Kuscheln nach dem Stillen? Alles nicht optimal. Aber was tun? Wenn ich das Programm durchziehe weint die Andere so lange und herzzerreißend. Wie sollen sie das auch verstehen? Ja, vielleicht lernen sie irgendwann zu warten. Aber ist das wirklich warten oder Resignation? Ich habe noch keine gute Lösung gefunden. Daher muss ich gestehen, dass ich deswegen schon oft traurig war und mitweinen musste. Ich kann gar nicht beschreiben, wie weh mir das tut. (Hormone? Zu empfindlich? Ich weiß es nicht.)

Ja, manchmal bin ich überfordert. Manchmal bereue ich, dass ich mich für’s Stillen entschieden habe. Manchmal habe ich Angst meinen beiden Wundern nicht gerecht zu werden. Manchmal wünschte ich, ich müsste nicht so viel allein schaffen. Manchmal bin ich schrecklich traurig. Und immer sehe ich sie an und weiß, dass es sich lohnt. Es wird gehen. Irgendwie. Mit viel Liebe.

Die Zeit rennt…

Meine lieben kleinen Wundermädchen,

ich weiß, ihr wisst mit der Meinungsänderung eurer Mutter nicht viel anzufangen. So lange wollte ich, dass ihr da im Bauch bleibt und auf keinen Fall da raus kommt und nun will ich, dass ihr endlich da raus kommt, am liebsten sofort. Wie soll man das auch verstehen… Aber der Arzt sagt, ihr wachst nicht mehr gut genug und es gäbe irgendwann einen Zeitpunkt, wo es euch nicht mehr in meinem Bauch sondern hier in meinem Arm besser geht. Und dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen. Ich bin sehr beruhigt, dass es euch gut geht (ihr werdet ja nun viel öfter überwacht). Ihr seid putzmunter, nur wollt oder könnt ihr einfach nicht mehr genug zunehmen, so dass ihr nun schlicht zu klein für diese SSW seid. Für die Welt hier draußen seid ihr aber groß genug, und der Arzt sagt ihr holt dann ganz schnell das Fehlende auf. Er schätzt euch auf ca. 2200g, aber seit zwei Wochen tut sich da scheinbar nichts mehr. Es kann nur daran liegen, dass ihr keinen Platz mehr habt, denn die Plazenten und die Nabelschnur arbeiten vorbildlich und genug Fruchtwasser habt ihr auch. Meine kleinen Mädchen, ich mag ganz und gar nicht, wenn der Arzt die Stirn runzelt und euch immer und immer wieder misst, obwohl sein Wartezimmer schrecklich voll ist. Das heißt nämlich, dass er sich Sorgen macht, auch wenn er mir sagt, dass ich mir keine machen muss. Er hat mir jedoch geraten, euch nicht mehr allzu lange die freie Wahl wegen eures Auszugtermines zu lassen. Am Dienstag will er uns schon wieder sehen.

Gestern waren wir dann noch bei der Hebamme. Sie hat Akupunktur gemacht um euch den Auszug ein wenig zu versüßen, denn seit vorgestern herrscht gespenstische Wehenstille in meinem Bauch. Ich habe lange mit ihr über meine Sorgen gesprochen und wir haben entschieden, dass ich Montag noch einmal akupunktiert werde, falls ihr immer noch nicht ausgezogen seid und wenn ihr am Dienstag beim Arzt immer noch nicht gewachsen seid, werden wir Mittwoch die Geburt einleiten.

Mittwoch. Das ist in fünf Tagen. Ich würde mir so wünschen, dass ihr euch selbst für den Auszug entscheidet, also überlegt euch das schnell.

Ja, es ist verwirrend, dass ich euch nun rausklagen will, ich weiß. Ich will aber, dass es euch gut geht und daher werde ich es euch nicht mehr sehr bequem machen. Also bitte ignoriert die ganzen Schubser nicht. Kommt jetzt brav da raus!