Und dann erwischen die Hormone mich doch noch.

Heute ist 34+6. Das ist doch ein ganz passables Ergebnis für eine Zwillingsschwangerschaft. Aber es ist immer noch 36 Tage zu früh, wenn man von einer normalen Schwangerschaft ausgeht. 36 Tage, in denen Babies noch ordentlich Gewicht zunehmen und sich damit für ihr Leben in dieser Welt wappnen.

Meine Wundermädchen wiegen in etwa zwei Kilo und sie wollen sich schon auf den Weg machen. Gestern hatte ich drei Stunden lang absolut regelmäßige Wehen, alle 10 Minuten. Das hat mir unglaubliche Angst gemacht. Ich hatte so große Angst, dass sie sich ernsthaft auf den Weg machen, dass ich völlig paralysiert auf dem Sofa saß und immer nur denken konnte: „Bitte nicht, es ist noch zu früh!“. Ich habe weder den Wundermann angerufen, noch meine Hebamme, noch sonst irgendwen. Mir hallte nur immer der Satz meiner Hebamme im Kopf: „Wenn es wirklich ernst wird weißt du es.“ Und ich war mir gestern nicht sicher. Bei jeder Wehe schaute ich auf die Uhr und zu mehr war ich einfach nicht fähig. Ich hatte solche Angst und wollte nur, dass es aufhört. Dann kam der Wundermann nach Hause, ich konnte nur stottern und ihm sagen, was los ist. Die Tränen liefen, allein durch seine Anwesenheit waren alle Dämme gebrochen. Und er war ruhig, machte mir Magnesium, brachte mir Bryophyllum, befahl mir mich hinzulegen und sagte: „Wenn es in einer halben Stunde nicht besser wird, fahren wir.“ Und was soll ich sagen? Es hörte auf. Von jetzt auf gleich. Welch ein Glück.

Das Erlebnis gestern hallt noch ordentlich nach. Ich weinte heute beim Hundespaziergang, beim Zähne putzen, unter der Dusche. Immer wieder kamen die Tränen und ich kann einfach nichts dagegen tun. Ich will doch nur, dass es ihnen gut geht und ich habe nun einfach keinerlei Einfluss mehr darauf, was passiert. Ich kann es nicht verhindern wenn sie kommen wollen.

Ja, wir haben es in dieser Schwangerschaft weit geschafft und die zu erwartenden Komplikationen sind nicht mehr sehr groß. Das weiß ich. Sie schaffen es nun ziemlich sicher, aber sie brauchen vielleicht immer noch Intensivmedizin. Ich wünsche mir so sehr, dass sie das nicht brauchen. Allein der Gedanke, dass sie von mir getrennt werden könnten, zerreißt mir das Herz.

Hier sitze ich nun, eine Frau mit langem Kinderwunsch, die so viel Glück erfahren durfte, aber immer noch nicht zufrieden ist. Das sollte ich sein: Dankbar. Ich werde (aller Wahrscheinlichkeit nach) zwei gesunde Mädchen zur Welt bringen, was will ich denn mehr? Ein bisschen schäme ich mich dafür, dass ich nicht einfach dankbar und zufrieden bin. Dieses Gefühl ist aber da und ich kann es nicht ändern.

Heute habe ich vereinzelt Wehen, aber nicht in der Stärke wie gestern. Kurz hatte ich Angst, ich würde Fruchtwasser verlieren, habe ich aber nicht. Nun liege ich hier und traue mich nicht, mich zu bewegen. Ich würde wohl auch wie eine Fledermaus schlafen, wenn das helfen würde. Realistisch betrachtet kann ich aber nichts tun, die Mädchen entscheiden. Es macht mich verrückt, dieses „es kann jederzeit losgehen“-Gefühl. Wer weiß, vielleicht rege ich mich ganz umsonst auf und die Wundermädchen machen es sich so bequem, dass sie sogar eine Räumungsklage brauchen. Vielleicht aber auch nicht.

(Ich schulde euch noch den Bericht von meinem Hebammenbesuch. Wir haben alles besprochen: Was wir uns für die Geburt mit ihr wünschen, meine Sorgen und auch die Befürchtungen meines Arztes. Sie hat mir gesagt, dass ich schon wissen werde was richtig ist und dann auch die richtige Entscheidung treffe, ob ich zu ihr fahre oder in das Krankenhaus mit Kinderklinik. Sie sagt, ich soll meinem Gefühl vertrauen. Und eine Garantie, dass es gut geht, gibt es nie.)

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8 Kommentare zu “Und dann erwischen die Hormone mich doch noch.

  1. Ohje, deine Sorgen und Ängste kann ich verstehen … Und deine Tränen auch! Ich wünsche dir, dass die zwei Wundermädchen noch ein paar Tage in deinem Bauch bleiben möchten! Ich drück dir ganz doll die Daumen!

  2. Deine Sorgen und Tränen sind ganz normal und haben doch absolut überhaupt nichts mit Undankbarkeit zu tun! Du willst doch nur das beste für Deine beiden Wundermädchen, auf die Du solange warten musstest! Drücke Euch weiter die Daumen!

  3. Als Frühchen- (34+3) und Grade-nicht-mehr-Frühchenmama (37+2) kann ich Dir sagen, dass Du Dich nicht von 36 Tagen schrecken lassen solltest, sondern höchstens noch von 14 Tagen. Danach sind sie sowas von reif, das fällt dann schon unter normale Schwangerschaftslängentoleranz. Und selbst wenn sie jetzt schon kommen sollten, wobei es für Zwillinge schon eine reife Leistung ist, es soweit geschafft zu haben, wäre es nicht schlimm.
    Um es soweit wie möglich zu schaffen: Leg Dich STRIKT hin. Am Besten mit Kissen unter den Po, um den Druck vom Muttermund zu nehmen. Nur für Toilette aufstehen. Kein Duschen, dafür Waschen im Liegen mit Waschlappen. Kein Essen im Sitzen. Keine Filme sehen, die zu Tränen rühren (das hat bei mir immer Wehen ausgelöst). Brav das Bryophyllum nehmen. Immer positiv denken, auch wenns schwer fällt!
    Mehr würden die im Krankenhaus jetzt bei Dir auch nicht mehr machen. Ich spreche da aus Erfahrung.
    Wenn die Mäuse jetzt kommen würden, könnten sie vermutlich sogar schon ohne Hilfe atmen (ca. 35. Woche) und das ist schon die halbe Miete, um von der Intensiv wegzukommen.
    In diesem Sinne: Ruhiges Brüten 🙂

  4. Ich glaube, jede andere in deiner Situation hätte die gleichen Ängste und Sorgen. Ich drück ganz fest die Daumen, dass deine beiden Wundermädchen sich noch etwas gedulden.

  5. Bin per Zufall hier gelandet (und werd dich gern in meine Leseliste vom Hibbeln, Kugeln und Liebhaben aufnehmen!
    Aber zu dir: ich drücke dich unbekannterweise! Ich bin nicht sicher, ob du wirklich undankbar und unzufrieden bist. Du bist dir ja sehr berwusst, was du fühlst. Weisst, was du durchgemacht hast. Du stehst absolut unter der Fremdherrschaft der Hormone und das wird nach der Geburt nicht besser 😉
    Ich finde, du hast ne super Einstellung, bist für deine Kinder da, freust dich auf sie. Ich glaube, das kommt alles sehr gut!
    Liebe Grüsse aus Zürich!
    Ahuefa

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